Streit um geplante Reform des Bundesjagdgesetzes

Der Gesetzgeber plant eine Reform des Bundesjagdgesetzes. Einer der größten Streitpunkte ist zweifelsohne die zukünftige Regelung zur Wiederaufforstung / Waldverjüngung der deutschen Wälder.

Der deutsche Wald wird von Nadelbäumen – insbesondere Kiefern und Fichten – dominiert. Doch besonders Laubbäume sind essentiell, um den Wald zu einem klimaresistenteren Mischwald umzubauen. Eine Untersuchung hat ergeben, dass rund ein Drittel aller jungen Laubbäume Bissschäden aufweisen, was zu ihrem frühen Sterben führen kann.

Einen bedeutenden Einfluss hierauf nimmt der Wildtierbestand, denn junge Triebe werden bevorzugt von Wild als Nahrung (Äsung) angenommen. Hier schließt sich nun die zentrale Frage an, welche Maßnahmen zur Verjüngung eingeleitet und wie der Schutz junger Pflanzen gewährleistet werden soll.

Geht es nach dem Gesetzgeber, soll Waldverjüngung zukünftig „im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen“ ermöglicht werden. Dies würde zu einer Entlastung des Bundeshaushalts führen. Unter Schutzmaßnahmen fallen z.B. der Bau von Zäunen um Forstpflanzungen bzw. individuelle Schutzmaßnahmen für einzelne Jungpflanzen, die natürlicher Aussaat entsprungen sind. Ohne diese Maßnahmen hätte das Wild wieder freien Zugang zu Jungpflanzen. Als Lösung für diesen Konflikt wird verstärkter Abschuss von Schalenwild (speziell Rot- und Rehwild) gesehen. Nach aktuellen Überlegungen sollen Deutschlands Jäger stärker in den Waldumbau einbezogen werden und durch größere Strecken ihren Anteil zur Waldverjüngung leisten.

Standpunkte zur Reform des Bundesjagdgesetzes

Der Vorsitzende des BUND, Olaf Bandt, schließt sich diesem Vorschlag an. Er sieht einen zu hohen Reh- und Rotwildbestand als Hemmschuh bei der Bekämpfung des Klimawandels und fordert ein entsprechendes Wildtiermanagement. Ähnlich sehen es Vertreter der Gemeinschaft der Förster, die einen verstärkten Abschuss von Wild zugunsten des Waldumbaus fordern. Auch für die Vorsitzende des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV), Elisabeth Emmert, stehen der Schutz und die Entwicklung der Wälder klar an erster Stelle. Der WWF könnte sich sogar jährliche Mindestabschusspläne ohne Deckelung vorstellen. Orientierungspunkt hierfür soll der Zustand der Vegetation in den einzelnen Gebieten sein.

Dagegen stehen unter anderem große Teile der deutschen Jägerschaft sowie die FDP im Bundestag einem verstärkten Abschuss ablehnend gegenüber. Wie sich in der Vergangenheit bestätigte, sind Wildtiermanagement und Waldverjüngung voneinander losgekoppelt zu betrachten und erfolgreich zu bewältigen.

Ferner haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten mehrere Initiativen und Netzwerke gebildet, die Position gegen die geplante Änderung des Bundesjagdgesetzes beziehen und Änderungsvorschläge eingereicht haben. Stellvertretend sei hier das „Netzwerk Wald mit Wild“ genannt, das ein breites Spektrum Unterstützer vereint, unter anderem Ernst Weidenbusch (Präsident des Bayerischen Jagdverbandes), Unternehmer, Tierschützer, Waldbesitzer u.v.a.

Insbesondere rufen Wildtiervertreter dazu auf, heimisches Wild nicht als „Schädling“ abzustempeln und ökonomische oder ideologische Interessen nicht auf dem Rücken der Wildtiere auszutragen. Sie kritisieren, dass bei der aktuellen Ausarbeitung des neuen Jagdgesetzes teils fundamentale wissenschaftliche Erkenntnisse nicht berücksichtigt wurden und die Gefahr bestünde, dass wirtschaftliche Interessen das im Bundesjagd- bzw. Tierschutzgesetz verankerte Tierwohl torpedieren könnten. Dies gelte es nachzubessern.

Kritik und Alternativen zum Schutz von Tier und Wald

Ein Vorschlag zum indirekten Schutz von jungen Pflanzen soll durch „Waldruhezonen“ erreicht werden. Hierunter werden beruhigte Gebiete verstanden, in denen sich Wild unbehelligt von menschlichen Aktivitäten bewegen kann. Der so genannte Freizeitdruck (siehe Exkurs) nimmt seit Jahren stetig zu, beunruhigt das Wild, zwingt es zu stetigen Wanderungen sowie kurzen Ruhe- und Äsungszeiten. Dies fördert den Verbiss an Jungpflanzen, da Wild sich nun zwangsläufig in einem größeren Radius bewegt und damit auf eine höhere Anzahl junger Pflanzen trifft.

In den zu gründenden Ruhezonen sollen ausreichend Äsungs- und Ruhemöglichkeiten angeboten werden, um ein Ausweichen in angrenzende Gebiete zu verhindern. Schon durch diese Maßnahme könne die Beschädigung von Jungpflanzen deutlich reduziert werden.

Zudem solle die Stellung der Wildtiere im Hinblick auf den Waldumbau überdacht und neu bewertet werden. Die Befürchtung ist, dass nicht-heimische Pflanzen einen höheren Status zuerkannt erhalten als heimische Wildtiere. Dies spielt weiterhin in die Betrachtung der zukünftigen Struktur und Zusammensetzung deutscher Wälder hinein. Hier ist klar zu regeln, aus welchen heimischen und nicht-heimischen Pflanzenarten sich der Deutsche Wald zusammensetzen soll.

Bundeswaldinventur liefert Informationen für den Waldumbau

Am 1. April 2021 hat die vierte Bundeswaldinventur begonnen. Auf Anordnung von Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, sollen alle Daten zur Inventur bis Ende Dezember 2022 gemeldet werden. Damit sollen Fragen zur Waldbewirtschaftung, der Veränderung der Baumartenanteile, der Holznutzung, zum Totholz und zu weiteren ökologischen Fragestellungen beantwortet werden.

Blick nach Österreich: Waldverjüngung ohne erhöhten Jagddruck

Nach Aussage von Professor Klaus Hackländer vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft in Wien verzeichnet Österreich bei ähnlicher Ausgangslage wie Deutschland große Fortschritte bei der Waldverjüngung. Erhöhter Jagddruck allein wird den Erfolg beim Waldumbau nicht sichern. Vielmehr bedarf es zur Bewältigung dieser Aufgabe einer Kombination aus Maßnahmen, zu denen auch staatliche Förderung von Schutzmaßnahmen und Anpflanzungen gehören.

Fazit

Ein gesunder Wald, Waldverjüngung und Schutz der Wildtiere sind zentrale Themen, nicht nur für uns Jäger. Wir alle sind Teil desselben Ökosystems und unser Bestreben muss sein, die Balance darin aufrecht zu erhalten. Hierfür sind geeignete Maßnahmen erforderlich – unabhängig von wirtschaftlichen und ideologischen Interessen.

Nachdem der Bundestag die abschließende Beratung des Entwurfs Mitte März verschoben hat, ist fraglich, wann dieser Punkt erneut auf die Tagesordnung kommt. Doch wann immer dies auch sein wird, sollten sich die Entscheider dabei stets bewusst sein, dass sie nicht nur über Lebensraum abstimmen, sondern auch über Leben oder Nicht-Leben von Lebewesen.

Exkurs

Unter Freizeitdruck versteht man unter anderem:

  • Wandern, Joggen und Radfahren abseits der Wege
  • Geocaching (da oftmals abseits der Wege)
  • Nächtliche Aktivitäten und Erkundungen in Waldgebieten

Weitere Störungen werden durch das Laufen lassen von Hunden ohne Leine als auch durch das Füttern von Lebensmitteln hervorgerufen, die nicht den saisonalen Bedürfnissen des Wildes entsprechen (Kraft-, Saft- oder Raufutter).

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Beitragsbild: Aaron Burden on Unsplash

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