Egoismus und Altruismus im Tierreich – Sind Tiere die besseren Menschen?

Lange Zeit galt es in Wissenschaft und Volksmund als Fakt, dass Tiere die besseren Menschen sind. Während Tieren nahezu ausschliesslich nur die positiven menschliche Verhaltensweisen wie Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe zugeschrieben wurden, waren die unter Menschen weit verbreiteten egoistischen oder gewalttätigen Verhaltensweisen im Tierreich innerhalb einer Art nicht präsent. Auf dieser Ebene galten Tiere als friedlich und selbstlos, Egoismus hatte bei ihnen keinen Platz.

Erste Zweifel an dieser Einordnung kamen vor wenigen Jahrzehnten durch die von Nobelpreisträger Konrad Lorenz aufgebrachte vergleichende Verhaltensbiologie (bzw. vergleichende Verhaltensforschung) auf, durch die erste gewalttätige, manipulative und egoistische Verhaltensweisen innerhalb von Arten im Tierreich beobachtet und dokumentiert wurden. Wie die vergleichende Anatomie den Körperbau von Tieren als erblich ansieht, so sieht die vergleichende Verhaltensforschung das Verhalten von Tieren als erblich an.

Altruismus oder Egoismus?

Ist selbstloses (altruistisches) Verhalten im Tierreich wirklich so selbstverständlich oder steckt nicht doch eine gewisse Form von Egoismus dahinter? Nämlich der Egoismus des Fortbestandes der Gruppe bzw. der eigenen Art? Im Fachjargon wird dabei von Fitness gesprochen, jedoch nicht im sportlichen Sinn, sondern mit dem Hintergrund der Weitergabe der eigenen Gene. Forscher verschiedener Universitäten weltweit haben bei der Beobachtung von Schimpansen herausgefunden, dass zum Beispiel die Adoption verwaister Artgenossen nicht ganz uneigennützig oder das Leisten von Hilfe erst auf Nachfrage erfolgt. Britische Forscher unterstellen beobachteten Schimpansen gar, dass ihnen Konsequenzen und Folgen ihres Handelns völlig gleichgültig sind.

Wie verhält es sich bei Herdentieren, wenn ein Tier der Herde einen Räuber entdeckt? Es warnt die anderen. Nun werden Einige sagen, dass dies das beste Beispiel für Altruismus im Tierreich ist. Doch ist dies wirklich so? Wenn wir ehrlich sind: wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein allein flüchtendes Tier sich vor einem Räuber in Sicherheit bringen kann? Gerade von einer Herde separierte Exemplare sind leichte Beute, wie wir alle aus zahlreichen Videos über das Jagdverhalten von Raubtieren kennen. So erscheint es naheliegend, dass es für jedes einzelne Herdentier besser ist, die Herde in Panik zu versetzen und als Herde zu fliehen, anstatt einen Alleingang durchzuführen. Auf diese Weise erhöht sich für jedes einzelne Tier die Wahrscheinlichkeit zu überleben.

Wird Nahrung zwischen einem starken und einem schwachen Mitglied einer Gruppe zu Gunsten des Schwächeren aufgeteilt, verbessern sich dadurch die Überlebenschancen von Beiden und damit die Verbreitungsmöglichkeit der eigenen Gene bzw. der Gene der Art.

Jane Goodall und die Schimpansen

Zurück zu den Schimpansen. Eine der wohl bekanntesten Persönlichkeiten rund um die Verhaltensforschung bei Schimpansen ist Jane Goodall. 1934 in London geboren, reiste sie 1960 nach Tansania (zur Zeit von Goodall noch Gombe), um dort Langzeitstudien über das Verhalten von Schimpansen zu beginnen. Niemand vor ihr schaffte es, im Verlauf von Forschungen so vertraut mit diesen Primaten zu werden wie sie. Durch diese Vertrautheit gelang es ihr, umfangreiche Besonderheiten im Verhalten von Schimpansen und auch ihre Parallelen zum Menschen aufzuzeigen.

Das Besondere: Goodall besaß zu Beginn ihrer Arbeit weder einen akademischen Abschluss noch anderweitige Erfahrung auf dem Gebiet der Verhaltensforschung. Doch das alles hinderte sie nicht daran, 1961 ihre erste wegweisende wissenschaftliche Entdeckung zu machen: sie beobachtete Schimpansen beim Verzehr von Fleisch. Für den damaligen Kenntnisstand der Wissenschaft war dies eine phänomenale Entdeckung, denn bis zu diesem Zeitpunkt als es als gegeben, dass Schimpansen Vegetarier sind.

Schimpansen führen Kriege, Ameisen versklaven

Doch damit nicht genug. Kurze Zeit später beobachtete sie, wie Schimpansen gezielt Jagd auf einen anderen Affen machten, ihn töteten und verzehrten. Auch systematisch geführte Angriffe auf andere Gruppen finden unter Schimpansen statt. So dokumentierte Goodall eine über mehrere Jahre andauernde Dezimierung einer Schimpansengruppe durch eine andere. Dabei wurden immer wieder einzelne männliche Individuen das Ziel eines Angriffs. Nachdem alle männlichen Tiere getötet wären, wurden die verbliebenen Weibchen in die andere Gruppe integriert und das Territorium übernommen (Unsere Jagd 06/2022).

Auch unter Ameisen geht es zuweilen etwas ruppiger zu. So kommt es dort beispielsweise vor, dass bestimmte Ameisenarten Eier aus den Nestern anderer Arten klauen. Die Eier und die daraus schlüpfenden Jungameisen (Puppen) dienen dem neuen Stamm jedoch nicht als Nahrung sondern als spätere Arbeiter, was der Sklaverei gleichkommt. Das Interessante: die geraubten Eier/Puppen werden von bereits versklavten Arbeitern versorgt und als Sklaven in den dominanten Ameisenstamm integriert. Dieses Vorgehen nennt sich Dulosis, eine Form des Sozialparasitismus.Die Abhängigkeit der Dulosis praktizierenden Ameisen von ihren geraubten Arbeitskräften ist so groß, dass sie ohne diese in existentielles Bedrängnis kommen würden.

Sozialparasitismus bei Dohlen

Um abschließend noch einmal auf Konrad Lorenz zu sprechen zu kommen: auch bei Dohlen wurde Sozialparasitismus festgestellt. Wie Lorenz herausfand, bringen sich einzelne Exemplare beim Auftauchen von Feinden nicht bei der Alarmierung der Gruppe ein, obwohl sie selbst davon profitieren, dass sie von anderen gewarnt werden. Dieses Verhalten widerspricht an sich dem Gruppengedanken, dass man in der Gruppe stark ist und viele Augen mehr sehen als zwei.

Lorenz unterstellte diesen Exemplaren zu seiner Zeit einen Verhaltensausfall, der in unnatürlichen Lebensbedingungen unter anderem durch zu große Populationen begründet liegt. Wolfgang Wickler führte jedoch einige Jahrzehnte später aus, dass es sich bei diesem Verhalten keineswegs um eine Form des Sozialparasitismus handelt sondern um eine gezielte Strategie, die in Populationen von Tieren immer wieder auftritt und sich auch nicht verhindern lässt (Unsere Jagd 06/2022).

Fazit

Die Frage, ob Tiere mit einem bestimmten Verhalten Egoismus oder Altruismus an den Tag legen, liegt wohl oft in der Sichtweise des Betrachters. Viele Fälle lassen sich sicherlich aus beiden Perspektiven sehen und können sowohl als egoistisch als auch als altruistisch ausgelegt werden. Festgehalten werden kann jedoch zweifelsohne, dass im Tierreich stets die Weitergabe und der Fortbestand der eigenen Gene im Vordergrund stehen, wobei die stärksten und anpassungsfähigsten Individuen dabei die größte Aussicht auf Erfolg haben.

Doch dabei gehen Tiere auch in das Extrem und nehmen in Kauf, dass die von ihnen angewandten Methoden zur Weitergabe ihrer Gene zu Lasten anderer gehen können. Auch wenn erste Ansichten aus den USA in die Richtung tendieren, dass Tiere nicht nur nach ihren Instinkten handeln sondern auch den Menschen ähnlichen moralischen Überlegungen unterliegen, so bleibt die Frage offen, ob diese mutmaßlichen moralischen Überlegungen der Tiere wirklich mit den moralischen Überlegungen der Menschen vergleichbar sind.

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